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    Custom Software · 6 Min. Lesezeit

    Wenn Excel zum Risiko wird: Anzeichen, dass ein Prozess Software braucht

    Vorweg eine Ehrenrettung: Excel ist großartige Software. Für Kalkulationen, Auswertungen und alles, was eine Person allein bearbeitet, gibt es kaum etwas Besseres, und wir raten regelmäßig davon ab, funktionierende Tabellen durch teure Anwendungen zu ersetzen. Das Problem ist nicht Excel. Das Problem ist, dass Tabellen still wachsen. Aus der Kalkulationshilfe von 2019 ist ein Werkzeug geworden, an dem Aufträge, Fristen und Löhne hängen, und niemand hat den Moment bemerkt, in dem das passiert ist. Es gibt aber Anzeichen, an denen sich dieser Moment erkennen lässt.

    Anzeichen 1: Mehrere Personen arbeiten in derselben Datei

    Excel ist für eine Bearbeiterin gebaut. Sobald drei Leute in derselben Datei arbeiten, beginnen die typischen Verrenkungen: Die Datei liegt am Netzlaufwerk und ist „gerade gesperrt". Es kursieren Kopien mit Namen wie Planung_final_v3_NEU. Jemand überschreibt die Änderung von gestern, und niemand merkt es, bis der Kunde anruft.

    Auch die Online-Varianten mit gemeinsamer Bearbeitung lösen nur das Sperrproblem. Was fehlt, bleibt: Wer darf was ändern? Wer hat wann was geändert? Warum? Eine Tabelle kennt keine Berechtigungen pro Spalte und keine Historie pro Auftrag. Bei zwei Nutzern ist das verschmerzbar, bei acht ist es ein Dauerzustand aus Nachfragen und Reparaturen.

    Anzeichen 2: Die Formeln versteht nur noch eine Person

    Jede gewachsene Tabelle hat ihre Archäologie: versteckte Hilfsspalten, ein SVERWEIS auf ein Blatt namens „alt_nicht_löschen", eine Formel mit sieben verschachtelten WENNs. Solange die Person, die das gebaut hat, im Haus ist, funktioniert alles. Ihr Urlaub ist ein Risiko, ihre Kündigung ein Notfall.

    Das ist kein Excel-Problem im engeren Sinn, sondern ein Dokumentationsproblem. Aber Excel macht es besonders heikel, weil Geschäftslogik und Daten in derselben Datei stecken und ein versehentlich überschriebenes Feld beides zerstören kann. Ein einziger falscher Sortiervorgang über einen Teilbereich, und Zeilen passen nicht mehr zusammen, ohne dass eine Fehlermeldung erscheint.

    Anzeichen 3: An der Tabelle hängen Geld oder Fristen

    Die kritische Frage lautet: Was passiert, wenn in dieser Tabelle ein Wert falsch ist? Wenn die Antwort „dann rechnen wir eine Stunde nach" lautet, ist alles in Ordnung. Wenn die Antwort „dann bekommt ein Kunde eine falsche Rechnung" oder „dann versäumen wir eine Frist" lautet, trägt die Tabelle eine Verantwortung, für die sie nicht gebaut ist. Fehler sind dabei der Normalfall, nicht die Ausnahme. Ray Panko (University of Hawaii) hat Feld-Audits operativer Tabellen aus den Jahren 1995 bis 2004 ausgewertet: 94 Prozent der 88 geprüften Tabellen enthielten mindestens einen Fehler.

    Eine Tabelle validiert nichts von sich aus. Sie warnt nicht, wenn ein Liefertermin vor dem Bestelldatum liegt, wenn eine Kundennummer doppelt vergeben wurde oder wenn ein Pflichtwert fehlt. Menschen gleichen das mit Aufmerksamkeit aus, und Aufmerksamkeit ist ausgerechnet an stressigen Tagen knapp, also genau dann, wenn die Fehler am teuersten sind.

    Anzeichen 4: Daten werden hinein- und wieder herauskopiert

    Wenn die Tabelle ihre Daten per Copy-and-paste aus dem E-Mail-Postfach bekommt und ihre Ergebnisse per Copy-and-paste ins Rechnungsprogramm abgibt, ist sie kein Werkzeug mehr, sondern eine Zwischenstation. Jeder dieser Handgriffe kostet Zeit und ist eine Fehlerquelle, und die Tabelle selbst veraltet zwischen den Übertragungen.

    Dieses Muster ist ein doppeltes Signal: Es spricht dafür, die Tabelle abzulösen, und es zeigt zugleich, wie die Ablösung aussehen sollte, nämlich als Anwendung, die direkt mit den Nachbarsystemen spricht, statt nur eine schönere Tabelle zu sein.

    Was „ersetzen" konkret bedeutet, und was es kostet

    Der Ersatz für eine gewachsene Tabelle ist selten ein großes System, sondern meist eine kleine Web-Anwendung: eine Datenbank statt Zeilen, Eingabemasken mit Prüfungen statt freier Zellen, Berechtigungen pro Rolle, eine Änderungshistorie. Die Tabelle selbst ist dabei die beste Vorlage, die es gibt, denn die Anforderungen sind schon ausformuliert, in Spalten und Formeln.

    Realistisch kostet so eine Anwendung zwischen 8.000 und 25.000 Euro, abhängig davon, wie viel Logik in der Tabelle steckt und wie viele Systeme angebunden werden. Dazu kommt der laufende Betrieb. Das ist deutlich mehr als eine Excel-Lizenz, und genau deshalb lohnt sich der Ersatz nur, wenn mehrere der genannten Anzeichen zutreffen. Eine Tabelle abzulösen, die eine Person zweimal im Monat nutzt, ist Geldverschwendung.

    Wann Sie bei Excel bleiben sollten

    Bleiben Sie bei der Tabelle, wenn eine Person sie allein nutzt, wenn ein Fehler nur Nacharbeit kostet und wenn keine Daten regelmäßig hinein- oder herauskopiert werden. Bleiben Sie auch dann, wenn der Prozess sich gerade noch stark verändert: Eine Tabelle lässt sich in fünf Minuten umbauen, eine Anwendung nicht. Excel ist das beste Werkzeug zum Ausprobieren von Prozessen. Erst wenn ein Prozess stabil ist und mehrere Leute und echtes Geld daran hängen, ist er reif für eigene Software.

    Ein pragmatischer Zwischenschritt, den wir öfter empfehlen: die Tabelle behalten, aber die gefährlichsten Handgriffe automatisieren, etwa den Import aus dem Postfach oder den Export ins Rechnungsprogramm. Das kostet einen Bruchteil und entschärft die größten Fehlerquellen.