Zu Inhalt springen

    Zurück zum Blog

    Custom Software · 6 Min. Lesezeit

    Prozessautomatisierung im KMU: wo man sinnvoll anfängt

    Wenn wir mit Betrieben über Automatisierung sprechen, kommt fast immer derselbe erste Vorschlag: das größte Problem zuerst. Die Auftragsabwicklung, die alle nervt. Die Kalkulation, an der drei Abteilungen hängen. Verständlich, aber meistens der falsche Einstieg. Das größte Problem ist fast immer auch das komplizierteste, mit den meisten Ausnahmen und den meisten Beteiligten. Wer dort anfängt, steckt nach vier Monaten in Abstimmungsrunden und hat noch nichts, das läuft. Der bessere erste Prozess ist ein anderer, und er lässt sich an ein paar nüchternen Kriterien erkennen.

    Warum der größte Schmerz der falsche Start ist

    Ein komplexer Kernprozess hat viele Sonderfälle, und jeder Sonderfall ist eine Diskussion. Was passiert, wenn der Kunde nachträglich ändert? Wenn zwei Rabatte gleichzeitig gelten? Wenn die Kollegin aus dem Einkauf das anders handhabt als der Kollege? Bevor die erste Zeile Software entsteht, muss der Betrieb diese Fragen für sich beantworten. Das ist wertvolle Arbeit, aber sie dauert, und sie ist als allererstes Projekt frustrierend.

    Dazu kommt das Risiko: Wenn die erste Automatisierung ausgerechnet den wichtigsten Prozess betrifft und etwas hakt, ist das Vertrauen im Team beschädigt. Die zweite Automatisierung hat es dann deutlich schwerer. Ein kleiner, unspektakulärer Prozess, der nach sechs Wochen zuverlässig läuft, ist das bessere Fundament.

    Wie viel bei kleinen Betrieben noch offen ist, zeigt die amtliche Statistik: Laut Statistik Austria (2025) sind nur 71 Prozent der kleinen Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten zumindest grundlegend digitalisiert, nutzen also mindestens vier von zwölf abgefragten Digitaltechnologien. Bei Großunternehmen ab 250 Beschäftigten sind es 98 Prozent. Verkleinern lässt sich dieser Abstand am ehesten mit einem ersten Projekt, das hält.

    Woran Sie einen guten ersten Kandidaten erkennen

    Der ideale Einstiegsprozess ist häufig, langweilig und regelbasiert. Häufig, damit sich der Aufwand rechnet: Ein Ablauf, der zehnmal am Tag passiert, bringt mehr als einer, der zweimal im Monat vorkommt. Langweilig, weil niemand um ihn kämpfen wird. Und regelbasiert, weil sich die Logik aufschreiben lässt, ohne dass jemand „kommt darauf an" sagen muss.

    • Der Ablauf passiert mindestens täglich, besser mehrmals täglich
    • Eine Person kann die Regeln in zehn Minuten erklären, ohne ins Stocken zu geraten
    • Die Ausnahmen sind bekannt und zählbar, nicht „irgendwie immer anders"
    • Ein Fehler wäre ärgerlich, aber nicht existenzbedrohend
    • Der Prozess hängt an wenigen Systemen, idealerweise an zwei

    Ein Beispiel: Eingangsrechnungen in einem Handelsbetrieb

    Stellen Sie sich einen Handelsbetrieb mit fünfzehn Mitarbeitern vor. Jede Woche kommen rund vierzig Lieferantenrechnungen als PDF per E-Mail. Eine Mitarbeiterin öffnet jede Rechnung, tippt Betrag, Lieferant und Rechnungsnummer in die Buchhaltungssoftware, legt das PDF im richtigen Ordner ab und leitet die Rechnung zur Freigabe weiter. Pro Rechnung fünf bis zehn Minuten, in Summe ein halber Arbeitstag pro Woche.

    Dieser Prozess erfüllt alle Kriterien. Er ist häufig, die Regeln sind klar, die Ausnahmen bekannt: Rechnungen ohne Bestellbezug gehen an den Einkauf, alles über 5.000 Euro an die Geschäftsführung. Nach der Automatisierung liest die Software die PDFs aus, prüft gegen die Bestelldaten, legt die Belege ab und schickt die Freigabe an die richtige Person. Die Mitarbeiterin kontrolliert nur noch die Fälle, bei denen etwas nicht zusammenpasst.

    Vorher klären: Gibt es den Prozess überhaupt?

    Eine unbequeme Wahrheit aus der Praxis: Manche Abläufe, die automatisiert werden sollen, existieren gar nicht als Prozess. Drei Leute machen dieselbe Aufgabe auf drei Arten, und jede Art funktioniert irgendwie. Software zwingt hier zu einer Entscheidung, und diese Entscheidung sollte der Betrieb treffen, nicht der Entwickler.

    Unser Rat: Bevor Sie mit einem Dienstleister sprechen, lassen Sie die Person, die den Ablauf täglich macht, ihn einmal Schritt für Schritt aufschreiben. Inklusive der Fälle, in denen sie von der Regel abweicht. Diese eine Seite Papier spart später Wochen, und sie zeigt oft schon, ob der Prozess reif für Automatisierung ist.

    Was ein erster Automatisierungsschritt kostet

    Ein klar umrissener Prozess wie das Rechnungsbeispiel liegt in der Entwicklung typischerweise zwischen 5.000 und 15.000 Euro, je nachdem, wie gut die beteiligten Systeme Schnittstellen anbieten. Dazu kommen laufende Kosten für Betrieb und Wartung, realistisch 50 bis 200 Euro im Monat. Wer einen halben Arbeitstag pro Woche einspart, holt das bei üblichen Vollkosten innerhalb von ein bis zwei Jahren herein.

    Wichtig ist die Gegenprobe: Ein Prozess, der nur eine Stunde pro Woche kostet, rechnet sich bei diesen Entwicklungskosten kaum. Dann ist die ehrliche Antwort, dass er manuell bleiben sollte. Auch das sagen wir so.

    Was Sie besser nicht als Erstes automatisieren

    Alles, was direkt am Kunden hängt und einen guten Ruf kosten kann, gehört nicht in die erste Runde. Ebenso Prozesse, die gerade im Umbruch sind: Wenn nächstes Jahr ein neues ERP kommt, ist jede Automatisierung rund um das alte System auf Sand gebaut. Und Prozesse, bei denen die Hälfte der Fälle Ermessenssache ist, sind keine Automatisierungs-, sondern Organisationsthemen.

    Der Kernprozess mit den vielen Ausnahmen kommt trotzdem noch dran, nur eben als zweites oder drittes Projekt. Dann kennen sich Betrieb und Dienstleister, die Ausnahmen aus dem ersten Projekt sind dokumentiert, und die Skepsis im Team ist der Erfahrung gewichen, dass so etwas funktionieren kann.