Gastronomie · 6 Min. Lesezeit
Mehrsprachige Restaurant-Website: wann Englisch Pflicht ist und wann nicht
Braucht ein Wirtshaus in Wien eine englische Website? Kommt darauf an, wo es steht. Das Lokal beim Stephansplatz verliert ohne englische Karte jeden Abend Tische an das Haus nebenan. Das Gasthaus in einer Wohngegend im 22. Bezirk kann sich die Übersetzung wahrscheinlich sparen. Zwischen diesen beiden Fällen liegt eine Entscheidung, die viele Wirte nach Gefühl treffen, obwohl sie sich recht nüchtern beantworten lässt. Und wer sich für Englisch entscheidet, sollte ein paar Fallen kennen, allen voran die automatisch übersetzte Speisekarte.
Die Standortfrage ehrlich beantworten
Englisch ist Pflicht, wenn ein spürbarer Teil Ihrer Gäste kein Deutsch spricht oder sprechen können muss. Das trifft auf Lokale in den inneren Wiener Bezirken zu, in Salzburgs Altstadt, in Innsbruck, in den Tourismusorten der Bundesländer, und genauso auf Lokale in der Nähe von Hotels, Kongresszentren oder Firmenstandorten mit internationaler Belegschaft. Die Größenordnung dazu liefert die Tourismusbilanz: Von den gut 20 Millionen Gästenächtigungen in Wien im Jahr 2025 kamen laut WienTourismus rund 83 Prozent aus dem Ausland. Wer im Sommer regelmäßig Tische mit Stadtplan-App und fragendem Blick vor der Tür stehen sieht, hat die Antwort schon.
Ein zweiter Blick lohnt sich in die eigenen Daten: Aus welchen Ländern kommen Ihre Google-Bewertungen? In welcher Sprache kommen Reservierungsanfragen per Mail? Wenn dort regelmäßig Englisch auftaucht, tippen diese Gäste vorher auch englische Suchbegriffe in Google, und dort entscheidet sich, ob sie Ihre Website überhaupt finden.
Was übersetzt gehört und was nicht
Mehrsprachig heißt nicht, jede Seite doppelt zu führen. Für internationale Gäste zählen vier Dinge: die Speisekarte mit Preisen, die Öffnungszeiten, die Adresse mit Anfahrt und die Reservierung. Wenn diese vier auf Englisch funktionieren, ist der Job zu neunzig Prozent erledigt.
Die Geschichte des Hauses, der Blog, die Stellenanzeigen: alles verzichtbar. Es ist völlig in Ordnung, wenn die englische Version Ihrer Website schlanker ist als die deutsche. Schlimmer als eine kleine englische Website ist eine große, die zur Hälfte übersetzt ist und den Gast mitten im Reservierungsvorgang auf Deutsch weiterschickt.
Die Speisekarte: übersetzen heißt erklären, nicht ersetzen
Bei der Karte machen automatische Übersetzer die peinlichsten Fehler, und jeder kennt Beispiele fotografierter Karten mit unfreiwillig komischem Englisch. Die Grundregel: Der Gerichtsname bleibt, die Beschreibung erklärt. Ein Tafelspitz heißt auch auf der englischen Karte Tafelspitz, darunter steht „boiled beef with root vegetables, apple-horseradish and chive sauce“. Genau so bestellt der Gast nachher auch: Er zeigt auf den österreichischen Namen, und der Kellner versteht ihn.
Wer die Namen wegübersetzt, verliert doppelt: Der Gast kann am Tisch nicht bestellen, was er online gelesen hat, und die Karte verliert ihren Charakter. Kaiserschmarrn als „Emperor’s nonsense“ ist kein Serviceplus, sondern ein Screenshot, der auf Reddit landet. Für die 14 Allergene gilt das übrigens genauso: Die Buchstabencodes funktionieren sprachunabhängig, nur die Legende braucht eine englische Fassung.
Übersetzungs-Widget oder echte Sprachversion?
Die verlockende Abkürzung ist ein automatisches Übersetzungs-Widget, das die ganze Seite per Knopfdruck überträgt. Ehrlich betrachtet ist das besser als nichts: Öffnungszeiten und Adresse kommen meist korrekt an. Aber es hat zwei ernste Schwächen. Erstens die Kartenqualität, siehe oben. Zweitens die Auffindbarkeit: Die automatisch übersetzten Inhalte existieren für Google in der Regel nicht als eigene Seiten, wer auf Englisch nach „traditional austrian restaurant vienna“ sucht, findet Sie damit nicht.
Eine echte englische Sprachversion hat eigene Adressen, etwa ihre-domain.at/en, die Google getrennt erfassen und englischsprachigen Suchenden anzeigen kann. Technisch sagen sogenannte hreflang-Angaben der Suchmaschine, welche Sprachfassung zu welchem Publikum gehört; das ist Aufgabe Ihres Website-Anbieters, nicht Ihre. Als Wirt reicht es zu wissen, wonach Sie fragen müssen: eigene URLs pro Sprache, nicht nur ein Umschaltknopf.
Mehr als zwei Sprachen? Meistens nein
Italienisch, Französisch, vielleicht noch Spanisch: Der Gedanke liegt nahe, wenn die Sommergäste aus aller Welt kommen. Unsere Erfahrung spricht dagegen. Jede zusätzliche Sprache ist eine Karte mehr, die bei jeder Preisänderung und jedem Saisonwechsel nachgezogen werden muss, und genau daran scheitert es: Nach einem Jahr stimmt die dritte Sprache nicht mehr, und eine falsche Karte ist schlechter als keine.
Englisch ist die gemeinsame Sprache der Reisenden, auch der italienischen und französischen. Die Wiener Tourismusbilanz 2025 stützt das: Die größten Herkunftsmärkte sind Deutschland, Österreich und an dritter Stelle die USA. Mit Deutsch und Englisch sprechen Sie die Spitze dieser Liste direkt an. Deutsch plus Englisch, beide aktuell gepflegt, schlagen vier Sprachen, von denen zwei veraltet sind. Eine sinnvolle Ausnahme sind Lokale mit einem klar dominanten Herkunftsmarkt, etwa ein Wintersportort mit überwiegend niederländischen Stammgästen.
Quelle: WienTourismus / Stadt Wien, Tourismusbilanz 2025
Der Pflegeaufwand entscheidet
Damit sind wir beim eigentlichen Knackpunkt: Eine zweisprachige Website ist nur so gut wie ihre Pflege. Wenn jede Änderung doppelt bei einer Agentur beauftragt werden muss, wird die englische Karte das erste Opfer des Alltags. Die Sprachfrage ist deshalb auch eine Systemfrage: Können Sie beide Fassungen selbst aktuell halten, an einem Ort, in einem Arbeitsgang?
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